Gut gelaunt und ausgeruht genießen wir morgens den tollen Ausblick aus dem Fenster und bewundern unsere Lieblingsskulptur von Gustav Seitz, die „Große Marina“ (1962), die ebenso zufrieden in die Sonne schaut wie wir. Gut, dass wir noch nicht wissen, was der Tag für uns bereithalten würde.
Wenn etwas gut gestaltet ist und alles den rechten Platz hat, macht es einem Spaß, man fühlt sich wohl und wird nicht von Unnötigem abgelenkt. So empfinden wir die Ferienwohnung im Gästehaus Gustav Seitz, aber auch das gesamte Areal des Campus Schloss Trebnitz. Wir mögen den Gedanken, dass der Campus für die Allgemeinheit offen steht und tatsächlich genutzt anstatt nur bewundert wird. Schon 1992 wurde das Schloss mit staatlichen Fördermitteln saniert, um es in ein offenes Haus für internationale Jugendbegegnungen zu verwandeln, für Jugendliche aus Belarus, Heilpädagogik-Studenten aus der Schweiz, Kunst-Interessierte aus Berlin und natürlich auch Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner. Café & Dorfladen sind leider an diesem Tag wegen Krankheit geschlossen, aber wir schauen gerne nochmal im Sommer vorbei, auch um den großen Schlosspark dann mit etwas Grün zu genießen.
Nach unserem leckeren Frühstück brauchen wir nur ein paar Schritte zu gehen, um die Ausstellung „Die Kunst der Liebe“ im Gustav Seitz Museum zu besuchen, wo wir sehr herzlich empfangen werden. Seitz‘ Skulpturen beeindrucken uns durch die nahezu manische Leidenschaft zur perfekten Umsetzung von Weiblichkeit. Man muss schon einen gewaltigen künstlerischen und erotischen Antrieb spüren, um jeden Tag sein persönliches Thema zu verfolgen und zu perfektionieren. Eine kleinere Version der bekannten Skulptur von Gustav Seitz von Käthe Kollwitz ist auf dem Gelände des Schlosses zu sehen, die größere steht am Kollwitzplatz in Berlin, Prenzlauer Berg. Wir empfinden die Verbindung von Radfahren und Kulturgenuss immer wieder als bereichernd, so auch in diesem Fall. Unbedingt anschauen solltet ihr das schöne Museum, unserer Meinung nach.
Wegen des etwas längeren Museumsbesuchs müssen wir uns nun etwas sputen, um unsere Tagesplanung einhalten zu können. Wir fahren Richtung Neuhardenberg, um uns das nächste Schloss anzuschauen und sind beeindruckt von dem perfekt sanierten, riesigen Areal. Leider beginnt erst am nächsten Tag die Ausstellung „Zwischen Zerstörung und Hoffnung. Oderland und Berlin im Frühling 1945 – Fotografien von Valery Faminsky“, und wir sind noch zu gesättigt durch unser Frühstück und behalten deswegen das bestimmt sehr leckere Landgasthaus Brennerei für unseren nächsten Besuch im Kopf.
Ein vorgeschobener Grund für unsere Radtour war der Besuch der Fliesen-Manufaktur handgeformt, die wunderschöne Fliesen aus gebranntem Lehm herstellt, da wir uns mal als Bodenbelag für unsere Loggia anschauen wollen.
Also biegen wir in Neuhardenberg von der Hauptstraße ab und gurken fortan einen abenteuerlichen Wiesenweg am Flugplatz Marxwalde in Neuhardenberg entlang, vorbei an tausenden Photovoltaik-Kollektoren und bizarren alten Hangars bis wir am Ende aller Wege den Showroom der Manufaktur erreichen. Wir hatten uns vorher angekündigt und der Keramiker & Restaurator Karsten Blättermann gibt uns eine exklusive Führung, auf der er uns nicht nur seine nachhaltigen Produkte sondern auch sein beeindruckendes Zuhause in dem riesigen Hangar zeigt – natürlich ausgestattet mit seinen schönen Wand- und Bodenfliesen!
Die Strecke ab hier im Nirgendwo zurück nach Strausberg hatten wir im Internet per Naviki und GPX Daten zusammengestückelt, in Anlehnung an die Oberbarnimer Feldsteinroute, via Ihlow, Grunow, Klosterdorf nach Strausberg-Nord. Wir haben das aber offensichtlich nicht gut gemacht und können nur inbrünstig davon abraten, sie so nachzufahren. Wir gerieten in eine Odyssee schlammiger Waldwege, nahe grunzender Wildschweine, keinem Wasser mehr (und keinerlei Hofläden, Tankstellen oder irgendetwas auf dem Weg). Nach der eigentlich nur 40 km kurzen, gefühlt aber doppelt so langen und sehr hügeligen Strecke, ausnahmslos auf Land-/Bundestraßen ohne Radwegen, mit vielen überholenden LKWs & PKWs, erschien uns der S-Bahnhof Strausberg-Nord am Ende wie eine erlösende Fata Morgana…
Alles was gestern so mühelos und interessant war, war heute bizarr, langweilig und anstrengend. Aber so ist das eben beim Radfahren, im Leben und bei der Liebe: ein ständiges Auf und Ab.
Von Schloss Trebnitz nach Strausberg Nord | ca. 44 km | GPX-Download
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